„So eine Atmosphäre brauchen wir!“ – Westendfest 2015

SAMSUNG CAMERA PICTURES„Als ich heute Morgen den Waffelteig fürs Fest anrührte, fragte ich mich, wie das gehen soll, dass wir heute ein Fest feiern“, sagt Elif Nejla Usta, die den Ifak-Stadtteiltreff im Q1 leitet, „während andere Menschen über Meere und Autobahnen flüchten.“ Sie schaut auf ihre Kolleginnen, die neben ihr sitzen. „Aber vielleicht ist es gerade jetzt wichtig, dass wir unsere Gemeinschaft stärken, damit wir die Neuankömmlinge gut aufnehmen können.“

„Wir betreuen derzeit drei Flüchtlingsunterkünfte“, erklärt Ayşe Balyemez von der Organisation Plan B, zwischen Luftballons und Maltischen. „Zusätzlich zu unseren laufenden Projekten.“ Über ehrenamtliche Unterstützung seien sie deshalb immer froh. „Wir bekommen bereits großartige Unterstützung, aber da es so viel zu tun gibt, können wir immer noch weitere gebrauchen.“

Villa WestNeu ins Westend gezogen ist auch das Wohnprojekt „Villa West“ des Vereins „Nachbarschaftliches Wohnen in Bochum“. Familien, Alleinerziehende, WGs, Ältere und Jüngere haben an der Diekampstraße ein 100 Jahre altes Ziegelsteinhaus nach eigenen Vorstellungen umgebaut. „Nun möchten wir gerne unsere neue Nachbarschaft kennenlernen“, sagt Iris Vernekohl mit ihrer Tochter Pauline auf dem Arm. An einem Wunschbaum dürfen Ideen zur Hofgestaltung ergänzt werden. „Ein Mädchen, das hier vorbeikam, wünschte sich ein Baumhaus. Das nehmen wir natürlich gerne auf.“

„Ich bin völlig überrascht, wie viele Leute hier sind“, sagt Hella Kirchberg und wischt sich ein paar Tropfen vom letzten Regenschauer von der Schulter. Der beste Platz ist eindeutig am Bierwagen, dort ist das schützende Dach am breitesten. „Bislang sind alle aufgetreten und es hat keinen Stromschlag gegeben“, sagt Savas Tsirabidis unbekümmert. „Also ist alles gut.“

Erstmals wurde das Westendfest in diesem Jahr von Akteuren aus dem Viertel selbst gestemmt. „Wir standen vor der Wahl, das Fest ausfallen zu lassen, oder es selbst in die Hand zu nehmen“, sagt Sabine Timmer vom Marienstift stellvertretend für die Westendfest AG. In den Vorjahren hatte das Stadtumbaubüro das Fest zum Abschluss der Internationalen Kulturwochen organisiert. 23 Organisationen und Vereine präsentieren sich an den Ständen und auf der Bühne.

„So eine Atmosphäre brauchen wir!“, ruft Sonia Ferchichi (44) begeistert, als die Folkloregruppe der Alevitischen Gemeinde die Bühne betritt. „Die Jüngsten sind sechs Jahre alt“, erklärt Gemeindemitglied Ali Akkuş.

Westendprojekt_ThealozziDas Kulturhaus Thealozzi zeigt in einer betretbaren Box Fotos und Filme über das Westend – Erinnerungen von fünf Frauen. „Wir sollten uns einen Ort aussuchen, der für uns besonders ist“, sagt Teilnehmerin Heike Hundeiker. „Also habe ich einen Weg gewählt, den ich seit 25 Jahre gehe – von meiner Wohnung zum Supermarkt. Dabei habe ich ihn noch mal mit ganz neuen Augen gesehen, neue Dinge entdeckt.“

Heinz Rittermeier schwelgt in Erinnerungen, als er über den Springerplatz läuft. Der ehemalige DGB-Regionsvorsitzender wuchs an der Bessemer Straße auf, sein Vater war Schichtführer beim Bochumer Verein. „Schauen Sie mal! Gerade habe ich einen alten Schulfreund wiedergetroffen. Sein Vater war auch beim Bochumer Verein.“ Ärgerlich findet  Rittermeier die Plakate, die rundum aufgehängt wurden, um dagegen zu protestieren, dass der beliebte Freitag-Abend-Markt „Moltke-Markt“ heißt. „Ich weiß, dass Moltke ein General war, aber die Menschen im Griesenbruch haben ihre eigenen Erinnerungen an diesen Platz. Es war der Platz, von dem in meiner Kindheit immer gesagt wurde: Hier haben wir die Nazis vertrieben!‘“ Weil der Griesenbruch links und widerständig war.

„Ich bin begeistert, wie voll und lebendig es trotz des schlechten Wetters ist“, schwärmt Bezirksbürgermeisterin Gabriele Spork. Mehrfach sei sie heute zudem auf die Flüchtlingsfrage angesprochen worden. Und wo man helfen könne. „So mag ich Menschen!“

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