„Wie gefährdet die menschliche Existenz ist“: Ateliereröffnung Dorothee Schäfer im Q1

IMG_2870„Das hätten die Architekten dieser Kirche sicher damals nicht gedacht, dass wir hier einmal so zusammenkommen und diese Eröffnung erleben würden!“, sagt Elif Usta vom Stadtteiltreff der Ifak im Q1. Insgesamt wohl um die 100 Menschen aus der Bochumer Kunstszene, aber auch aus dem Stadtteil und anderen Freundeskreisen trafen (und treffen) sich an diesem Wochenende (Fr-So) zur Eröffnung des ersten Residenzateliers im Q1 – mit einer Werkschau der Bildhauerin Dorothee Schäfer, Gesprächen und Konzert.

facebook Like Button„Ein langer Tisch mit Brot und Wein lädt zum Verweilen ein!“, sagt Schäfer, die als Mitbegründerin des Freien Kunst Territoriums (FKT) und durch zahlreiche Kunst- und Werkstätten-Projekte im Westend vielen lange bekannt ist. „Da wurde keine unbekannte Pflanze in einen neuen Topf gepflanzt“, sagt sie über ihren Neueinzug ins Q1 vor einigen Monaten. „Ich freue mich sehr, dass so viele Leute heute hierher gekommen sind!“ Auch vom Gottesdienst, der kurz zuvor in der benachbarten Friedenskapelle stattgefunden hat, sind einige gekommen, und geblieben.

Kulturrucksack2_klDie Nähe zu Menschen sei ein Arbeitsmotor für sie, sagt Schäfer, die in ihrem neuen Atelier auf einmal sehr präzise überlegen muss, wann sie ihre Arbeit macht. „Die Bildhauerei ist laut und staubig.“ Das verträgt sich nicht immer mit dem, was in den Räumen nebenan passiert. Umso genauer kennt sie die Pausenzeiten der Deutschkurse, die täglich im Q1 laufen. „Wenn dort Pause ist, schmeiße ich schnell meine Maschinen an. Das ist mit den Lehrerinnen abgesprochen.“

12144883_721230438013894_6323128724171284027_nIm ehemaligen Kirchraum der evangelischen Friedenskirche – wo an anderen Tagen Deutschkurse, Empfänge, Verlobungsfeiern und Infoveranstaltungen stattfinden – stehen an diesem Wochenende auf weißen Sockeln Pussy, die Nonne, Kreuzdame und Lady Lux. Vier Köpfe aus Stein. „Alle vier haben eine Geschichte, einen Bezug zur Wirklichkeit“, erklärt Schäfer.

Oft sind es reale Ereignisse, Zeitungsartikel, von denen sie sich bei ihrer Arbeit inspirieren lässt. Anfang des Jahres fand sie in einer Zeitung das Foto einer syrischen Familie auf der Flucht. Unter den vielen Bilder, die seit vielen Monaten von Flüchtenden zu sehen sind, bewegte dieses sie auf besondere Weise. Sie schnitt es aus und klebte es auf ein altes Ölgemälde, das eine niederländische Landschaft zeigt.

DSC00914_Schäfer 2Als diese Arbeit entstand, hatte die von ihr mitbegründete Künstlervereinigung Freies Kunst Territorium (FKT) gerade ihr gemeinsames Gebäude an der Bessemerstraße an einen Investor verloren. Das Q1 war noch in der Bauphase. Seitdem hat sich vieles verändert. „Nun sind diese Menschen plötzlich hier“, sagt Schäfer, die nun täglich mit Geflüchteten aus Syrien und anderen Ländern unter einem Dach arbeitet und gelegentlich ins Gespräch kommt. „Was diese Menschen erlebt haben, ist unglaublich. Was sie erzählen, ist unfassbar. Wie könnte ich mir anmaßen, meine Bilder davon hier zu präsentieren? Wir haben davon ja keine Vorstellung.“

12189172_721230428013895_2966945597627121232_nZur dreitägigen Eröffnung ihres Ateliers präsentierte Schäfer eine Werkschau aus den vergangenen zehn Jahren. Neben plastischen Objekten in Stein, Marmor und Gips, zeigte sie Zeichnungen, Studien, dazwischen Zeitungsmeldungen. „Auf diesem Tisch hier sollen die Leute stöbern.“ Tatsächlich bewegen sich die rund 100 Besucher neugierig schlendernd durch die Räume, blättern durch Skizzenbücher, betrachten Fotos – umgeben von der Klanginstallation „Topography of Stone Beats“ des Aachener Soundengineers Paul Hubweber: Klopfen auf Stein, Schleifen, Schaben, dazwischen Glockenläuten, Kindergeschrei, ein Flugzeug. „Der Sound meiner täglichen Arbeit“, so Schäfer. Live improvisierte der Posaunist Hubweber zudem am zweiten Tag mit dem Essener Musiker Simon Camatta zu den Klängen, Geräuschen und Zwischentönen in den Ausstellungsräumen.

Die Bildhauerei sei ein Gegenpol zu den digitalen Datenströmen und virtuellen Bildmöglichkeiten der heutigen Zeit, sagt Reinhard Buskies vom Kunstverein Bochum. „Und vielleicht bleibt die Skulptur gerade deshalb für uns so interessant.“ Angesichts der allgegenwärtigen Touchscreens und anderer Bildflächen spricht Buskies – ohne dies abfällig zu meinen – von einer „Verflächigung der Wirklichkeit“. „Dagegen ist die Skulptur konkret, greifbar.“ Auch in ihrer abstrakten Form. Einige Werke Schäfers zeugen vom kraftvollen, energischen Eingriff einer Flexmaschine. Die zerbrechlich wirkenden Gipsskulpturen daneben zeigen uns, so Buskies, „wie gefährdet die menschliche Existenz ist.“

Am 14. /15. November findet im Q1 ein Bildhauerei-Workshop für Anfänger und Fortgeschrittene mit Dorothee Schäfer statt. Kosten: 135 Euro. Informationen und Anmeldung unter info@dorothee-schaefer.de oder 0173/5739392

Das Stadtteilatelier wurde anteilig gefördert durch  den Verfügungsfonds des Stadtumbau West(end).
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