„Vor mir haben sie megaviel Respekt“

Burhan1_kl„Ich sage den Leuten immer: Ihr müsst Geduld haben. Sonst verliert man die Nerven“, sagt Burhan Akıncı (25), der für Plan B Flüchtlinge in der Turnhalle am Westring betreut. „Ich bin genau den gleichen Weg gegangen.“

Akıncı war sechs, als seine Eltern mit ihm und acht weiteren Geschwistern aus Mardin, im Südosten der Türkei, nach Deutschland flohen. „Damals gab es dort Repressionen, Drohungen, Todesangst, Morde“, sagt Akıncı über seine Heimatstadt, die viele kurdische Bewohner hat. Die aktuellen Nachrichten aus dieser Region klingen ähnlich.

facebook Like Button„Zur Erstaufnahme kamen wir nach Dortmund, von dort in ein Flüchtlingsheim in Bochum-Langendreer.“ Eine der ersten Begegnungen hatte Akıncı hier mit einem Auto, das ihn anfuhr. „Ich war lange im Krankenhaus und hatte mehrere OPs. Wir dachten erst, das Bein müsse amputiert werden, aber jetzt geht es eigentlich ganz gut.“ Von Langendreer wurde Familie Akıncı in eine Flüchtlingsunterkunft in der Krachtstraße in Bochum-Werne gebracht. „Dort haben wir knapp sieben Jahre gelebt.“ Vater, Mutter und neun Geschwister in einer 3-Zimmer-Wohnung.

Jütenstraße Schild_klSieben Jahre, in denen die Familie im Ungewissen darüber blieb, ob sie in Deutschland würde bleiben können, oder nicht. „Wir haben uns zum Glück schnell zurecht gefunden. Mein Vater sprach schon nach einem Jahr Deutsch – und wir hatten einen supernetten Heimleiter. Als Kind war das eine gute Zeit, wir hatten nicht die Sorgen unserer Eltern. Wir spielten Fußball, Tischtennis, Volleyball. So ist die Zeit vorbei gegangen.“

2010 machte Akıncı sein Abitur am Willy Brand Gymnasium mit 1,0 – und hätte Medizin in Heidelberg studieren können. „Ich wollte aber in Bochum bleiben.“ Am liebsten in Goldhamme. „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, weit entfernt von meiner Familie zu leben.“

Burhan2_klAuch an der Krachtstraße ist er bis heute regelmäßig. „Ich spiele hier um die Ecke Fußball.“ Mit einigen Freunden von damals aus der Krachtstraße hat er noch Kontakt. „Viele haben Abitur gemacht.“ An den Häusern hat sich nicht viel verändert. „Sie sind nur vielleicht noch ein bisschen ranziger geworden.“

Seine Schwester Çiğdem, die als Sozialarbeiterin bei Plan B arbeitet, fragte ihn vor einigen Monaten, ob er aushilfsweise in der Flüchtlingshilfe mitarbeiten wolle. „Ich habe sofort ‚Ja‘ gesagt. Jetzt gehe ich zwei bis drei Mal die Woche zur Turnhalle am Westring.“ Burhan spricht Türkisch, Kurdisch, Englisch und etwas Spanisch. „Das hilft“, sagt er. Hilfreich ist vor allem auch, dass er eine Ahnung davon hat, wie es Neuankömmlingen geht, die ihre Heimat zurücklassen mussten. „Vor mir haben sie megaviel Respekt.“

Jütenstraße_klDie Atmosphäre in der Turnhalle sei in Ordnung, aber auch ziemlich angespannt. Für viele ist ungewiss, was passieren wird. Teilweise dauert es lange, bis ein Asylantrag durch ist. „Das geht auch gar nicht anders. Aber für diejenigen, die darauf warten, ist es hart.“

Was Warten bedeutet, weiß Akıncı. „Ich kann die Leute gut verstehen, dass es nicht schön ist, in einer Turnhalle zu leben. Aber man muss auch die Behörden verstehen. In der Kürze der Zeit haben sie das alles auf die Beine gestellt. Das ist besser, als die Leute in Zelten oder draußen übernachten zu lassen. Sie werden mit Essen versorgt. Die Grundbedürfnisse sind für eine Notsituation angemessen abgedeckt.“

Wir kommen_Bunker Goldhamme_klFamilie Akıncı gelang es, die Notsituation im Flüchtlingsheim an der Krachtstraße zu überwinden. „Eine Schwester von mir ist Juristin – mit Prädikatsexamen. Bei meinen jüngeren Geschwistern bin ich immer hinterher, dass sie lernen, damit sie eine gute Zukunft haben“, sagt Burhan Akıncı. „Auf Bildung haben meine Eltern immer großen Wert gelegt.“

Auch diese Erfahrung gibt er weiter. „Man muss den Leuten zeigen, dass sie hart arbeiten, sich anpassen, die Sprache lernen müssen. Sonst funktioniert das auf Dauer nicht.“ Das Asylgesetz sieht anderes vor. Auch für die Jungen, Gebildeten. „Die Leute müssen schnell integriert werden, vor allem in die Arbeitswelt.“ Dass Burhan Akıncı seinen Weg auf zwei Beinen geht und als Arzt vielleicht eine eigene Praxis haben wird, grenzt an ein doppeltes Wunder.
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Ein Gedanke zu “„Vor mir haben sie megaviel Respekt“

  1. Einen guten Vater zu verlieren tut immer weh. Mein aufrichtiges Beileid. Ich wünsche Ihrer Familie alles Gute für die Zukunft.

    Liebe Grüße aus Bochum
    Angela

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