„Stadtteile wie Goldhamme oder Querenburg sind hier im Vorteil“

Bildungsdiskurs ZAK_November 2015Wir müssen der „Vielheit in unserer Gesellschaft gerecht werden“, sagt der Berliner Migrationsforscher Dr. Mark Terkessidis bei einem Podiumsgespräch in der Zukunftsakademie NRW zum Thema „Wie wollen wir gut zusammen leben?“

„Wenn ich auf der Straße jemanden sehe und sich unsere Blicke länger als zwei Sekunden begegnen, grüße ich ihn oder sie – egal, ob ich die Person kenne oder nicht“, sagt Roman Gerhold, Leiter des Ifak-Stadtteiltreffs „Alte Post“ in Goldhamme.

facebook Like Button„Das irritiert manche Leute natürlich. Einige gucken schnell weg, andere werden beim zweiten oder dritten Mal aufmerksam.“ Und darum geht es Gerhold: dass die Menschen in Goldhamme aufmerken und ein Interesse daran entwickeln, das Leben in ihrem Stadtteil mitzugestalten.

„Man braucht Geduld“

Bildungsdiskurs ZAK_November 2015_2 Die „Vielheit unserer Gesellschaft“ ist im gesamten Bochumer Westend deutlich spürbar. Neben der Zukunftsakademie wurde im Oktober eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet, daneben liegt das katholische Seniorenzentrum Marienstift. Gegenüber wird das neue Musikzentrum gebaut, und im Umkreis von 200 Metern gibt es drei höchst unterschiedliche Moscheen, außerdem Galerien und die Überreste des Rotlichtviertels.

An vielen Orten werden, damit ein Austausch mit den Neuankömmlingen überhaupt möglich ist, Deutschkurse und Integrationskurse durchgeführt. Um einen gemeinsamen Nenner für das Zusammenleben zu schaffen, der nur heißen kann: Toleranz und Dialog. „Man braucht Geduld“, sagt Gerhold. Und: „Man muss auf den einzelnen Menschen gucken, das ist wichtig.“ Gerade vor dem Hintergrund der weltumspannenden Ereignisse.

„Wir müssen diese Verunsicherung auch als einen produktiven Zustand beschreiben“

„Als wir begonnen haben, diese Tagung zu planen, fand gerade der Anschlag auf Charlie Hebdo statt“, sagt Winfried Kneip, Geschäftsführer der Stiftung Mercator. Der Abend in der ZAK war Teil des Mercator Bildungsdiskurses, der in diesem Jahr an drei Orten in der Region Ruhr stattfand. „Bei der heutigen Veranstaltung war das Interesse wegen der aktuellen Ereignisse nochmal besonders groß“, sagt Laura Collmann von der Stiftung Mercator. Aktuell sind die Anschläge in Paris. Aktuell ist aber auch die Lage der Flüchtlinge in der Stadt.

Die Frage, wie wir gut zusammenleben wollen, stellt sich in jedem Stadtteil auch vor diesem Hintergrund. „Stadtteile wie Goldhamme oder Querenburg sind hier im Vorteil“, sagt Susanne Köllner vom Kommunalen Integrationszentrum. „Sie sind das Zusammenleben verschiedener Kulturen seit vielen Jahren gewohnt.“ Nicht wenige sind durch die Vielfalt in unserer Gesellschaft aber auch verunsichert.

Bildungsdiskurs ZAK_November 2015_3Terkessidis empfiehlt, dieser Herausforderung mutig zu begegnen. „Wir müssen diese Verunsicherung auch als einen produktiven Zustand beschreiben.“ Eine Gesellschaft der Vielfalt, so Terkessidis, „kann nur funktionieren, wenn viele Stimmen gehört werden und unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten.“ – „Wie dieses neue Zusammenleben aussehen kann, machen wir gerade untereinander aus“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Prof. Naika Foroutan. „Dieser Prozess geht mit Kränkungen einher.“ Die erste Generation der Zugewanderten habe ihren Kindern (der zweiten Generation) geraten, sich still zu verhalten, sich anzupassen. „Die dritte und vierte Generation sagt: Warum? Ich war schon immer hier!“

„Kinder haben keine Probleme mit Differenz“

Foroutan spricht von Erzählstrukturen, die eine Gesellschaft prägen – und verändern können. Im Einwanderungsland Deutschland wird anders gedacht, gesprochen, zur Sprache gebracht als vor 2001. „In Deutschland ist eine stärkere Offenheit für Vielfalt sichtbar“, so Foroutan. Vor allem Kinder und Jugendliche seien gegenüber den zentralen  Fragen von Vielfalt deutlich offener.

„Kinder haben keine Probleme mit Differenz“, sagt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. „Zur Intoleranz werden wir erst erzogen.“

facebook Like ButtonGerhold setzt auf Begegnungen. „Wir versuchen, Foren zu schaffen, in denen alle sagen können, wo ihre Bedarfe liegen. Das ist der erste Schritt zur gemeinsamen Gestaltung eines Zusammenlebens.“ (Fotos: Roman Gerhold)

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