Sanfte Farben in aller Gewalt

Ein Werk der 102 Jahre alten Anni Peschel.

Beeindruckend ist vor allem ein Portrait, das die 102-jährige Anni Peschel zeigt – entstanden im Rahmen eines Kooperationsprojektes des Seniorenheims St. Marienstift und dem Verein „Kunst Behinderter Bochum“ (KuBo), ein Stadtteilprojekt im Westend.

Der Kunstdozent Dirk Wenke, der die knapp 10 Zusammenkünfte anleitete, berichtet: „Bei unserem ersten Treffen bekamen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Aufgabe, voneinander Portraits anzufertigen.“ So war gleich zu Beginn die Wahrnehmung geschärft, auch füreinander. Und so fanden auch Julia, die zum Verein KuBo gehört, und die 102-jährige Anni Peschel zueinander. „Die beiden haben wirklich einen Narren aneinander gefressen“, beschreibt Wenke.

Über das Projekt sagt er: „Am Anfang war ich besorgt, ob das funktionieren würden.“ Würden die alten Menschen des Marienstift und die behinderten Menschen von KuBo einen guten Zugang zueinander finden? „Zum Glück waren sehr schnell emotionale Verbindungen da. Ich würde sagen: von beiden Seiten aus ist das Vorhaben gelungen.“

„Mir macht es Spaß, in Gesellschaft zu malen“, sagt Anni Peschel (102). „Es ist abwechslungsreich, unterhaltsam. Wir haben Freude – und das ist doch das Wichtigste im Leben, oder?“ Der Gestaltung ihrer Bilder lässt sie in der Regel freien Lauf. „Mit einer Idee beginne ich und dann sehe ich, was daraus wird, ich lasse meine Fantasie spielen…“ Immer in den Farben der Natur, wie sie betont. „Die Farben der Natur sind die schönsten: sanfte Farben, mit aller Gewalt.“

Jan (26) zeigt zwei seiner Bilder. (Das linke ist noch unfertig, es soll bald farbig werden.)

Einige Teilnehmer bringen eine geballte künstlerische Erfahrung mit, wie der 26 Jahre alte Jan. „Ich male die Gestalten, die in meinem Kopf sind.“ – „Wird der Kopf dadurch freier?“ – „Nein, das kann ich eigentlich nicht sagen.“ Aber es tue gut, sie auf dem Papier zu sehen. Und er freue sich vor allem, dass er bei KuBo oder hier im Marienstift deutlich mehr Raum zur Verfügung habe, als zu Hause, und mehr Materialien.

Thorben von KuBo e.V. lässt sich von Sendungen im Fersehen inspirieren. Neulich sah er eine politische Talk-Show und malte anschließend Angela Merkel.

Eine Bewohnerin des Marienstifts war am Anfang des Projektes  zurückhaltend, weil sie überhaupt keine Malerfahrung mitbrachte. Doch dann malte sie beherzt den Herbst in sanften Farben, mit all seiner Gewalt… Das könnte vielleicht auch Frau Peschel sehr gut gefallen.

Das Projekt präsentiert einige Werke am 23. September auf dem Westendfest (Springerplatz) – und lädt zum Mitmalen ein.

Bei der gemeinsamen Arbeit im St. Marienstift.
Eine Zeichnung, die Jan im Internet fand, inspirierte ihn zu seiner facettenreichen eigenen Zeichnung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Projektleiter Dirk Wenke mit dem Portrait, das Anni Peschel (102) zeigt.

KuBo e.V.

Kunst von Menschen mit Behinderung hat es noch immer schwer, als Kunst akzeptiert zu werden. Die Behinderung beherrscht unsere Wahrnehmung und verdeckt den Blick auf das Werk. Ziel von ku.bo ist es, die künstlerische Arbeit von Behinderten in ihren verdienten Rang zu setzen. Die Behinderung darf nicht als Einschränkung des künstlerischen Werts, sondern sie kann als Bereicherung der Welt der Kunst verstanden werden. Denn die Grenzen der körperlichen, geistigen und seelischen Beweglichkeit sind keine Grenzen für den künstlerischen Ausdruck, für die Kraft und für die Faszination der künstlerischen Werke.ku.bo hat es sich zur Aufgabe gemacht,

  • Menschen mit Behinderung zu ermutigen, ihren eigenen künstlerischen Ausdruck zu suchen
  • künstlerische Talente zu finden und zu fördern
  • Kunst von Menschen mit Behinderung zu zeigen und zu dokumentieren
  • Interesse zu wecken für die Kunst und für die Menschen, die sie gemacht haben

 

ku.bo versteht sich als Forum. Wir suchen die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und damit unseren Standort in der Gesellschaft, ohne „sozialen Mitleidsbonus“.

www.ku-bo.org

St. Marienstift Bochum: www.marienstift-bochum.de

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