Nichts zu verlieren

AbdulSalahVon Abdulrahmen Salah

Als Abdulrahmen Salah in Syrien sein Universitätsdiplom in den Händen hielt, war allen in seiner Familie klar, dass er das Land verlassen musste. Er nahm Abschied, ließ alles zurück. sein Vater brachte ihn zur Busstation.

Nach dreieinhalb Jahren brutalem Krieg, der mir viele geliebte Menschen genommen hatte, musste ich die Entscheidung treffen, Syrien zu verlassen. Es war nicht mehr wirklich meine Entscheidung. Ich habe die Kontrolle über mein Leben verloren.

Zwei Sätze reichten, um meinen Eltern die Situation zu erklären: „Mutter, ich habe meinen Uni-Abschluss.“ – „Vater, ich bin nun Englischlehrer.“ Ich hatte erreicht, was ich erreichen wollte. Aber was bedeutete das noch. Ich muss blass gewesen sein, als ich meinen Eltern gegenüberstand, denn ich fühlte kein Blut in meinem Körper. Jeder wusste, dass ein Uni-Abschluss ein Todesurteil für junge Männer war. Ich wollte nicht in einen Krieg ziehen, den ich auf keiner Seite unterstützen kann. Ich wollte ein normales Leben führen, unterrichten, die Nachbarn zum Essen einladen. Meine Freundin war damals bereits tot.

Mein Vater zeigte keine Reaktion auf meine Worte. Es war sehr schwierig für mich, seinen Gesichtsausdruck zu lesen. „Wir können Dir nicht mehr helfen. Nicht in dieser Zeit. Geh fort. Rette Dein Leben.“ Ich verstand sofort. Es war an der Zeit, mich zu verabschieden. Ich vermied es, meiner Mutter in die Augen zu sehen. Ich weiß nicht, warum.

Ich hatte nicht die Kraft dazu. Mein Vater brachte mich zur Busstation. Er war blass und sprach kaum ein Wort. Es blieb ohnehin kaum noch Zeit. Er weinte, als ich ging, wie ich ihn noch nie habe weinen sehen. Ich ging einfach und ließ ihn zurück in seinem Schmerz. Der Bus startete den Motor und setzte langsam zur Fahrt an.

In diesem Zustand, die Gefühle wie ausgeschaltet, der Schmerz war so groß, dass er mich betäubte, begann ich meine Flucht. Ich hatte nichts mehr zu verlieren. Mehrere Monate verbrachte ich in der Türkei, lernte Türkisch, unterrichtete Englisch. Bis es Zeit war, weiterzuziehen. Den Weg nach Deutschland habe ich an zwei Stellen nur knapp überlebt.

Beide Male habe ich mich meinem Schicksal ergeben, und staune, dass es mich nahezu unversehrt nach Deutschland gebracht hat.

Abdulrahmen Salah schreibt seit Sommer 2016 für die Zeitung „Neu in Deutschland“. Er ist Mitglied einer Pfadfindergruppe, nimmt an einem Theaterprojekt des Schauspielhauses teil, unterrichtet Englisch und wird weiter studieren. In der nächsten Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“ schreibt Abdulrahmen Salah über seinen Weg durch Gebiete, die vom IS kontrolliert waren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.