„Man muss nur mutig bleiben“

20150923_153851Als Kind kannte Sonia Ferchichi (44) von Deutschland nur Hattingen und Sprockhövel. Irgendwo dazwischen arbeitete ihr Vater als Maurer, als sogenannter Gastarbeiter. Sie selbst lebte in Tunesien, studierte Politikwissenschaft und Journalismus, zog 1999 nach Bochum. Mit vier Sprachen, drei Kindern und den besten Nachbarn, die es gibt, bewältigte sie mehrere Schicksalsschläge. „‚The show must go on…!‘“, sagt sie. Und lacht.

„Ich habe ja gerade etwas Zeit“, sagt Sonia Ferchichi (44). Im Laufschritt kommt sie von der Arnold-Grundschule, zu der ihre älteste Tochter geht, in Richtung Kindervilla Pfiffikus. Dort holt sie ihre zwei jüngsten Töchter ab. „Morgen treffe ich eine Asylbewerberin, die einen Termin beim Sozialamt hat und eine Übersetzerin braucht. Ich bin froh, dass ich etwas tun kann!“

Familie Ferchichi wohnt im Herzen Stahlhausens – auf der Baarestraße. Sonia mit den drei Kindern („meine Prinzessinnen“) am Gremmepark-Spielplatz; ihr geschiedener Mann ein paar Meter weiter.

Vier Sprachen, Uni-Abschluss und Ehrenamt

20150917_171428-1„Unsere Straße ist multikulti. Das kenne ich aus meiner Heimat.“ Aufgewachsen ist sie in Tunis, im wohlhabenden Vorort Karthago. „Suchen Sie im Internet mal nach Tunis! Sie werden sofort Bilder von der Kathedrale sehen – noch bevor Sie eine Moschee finden. Außerdem haben wir ganz zentral gelegene Synagogen. Das ist die Vielfalt, die mir gefällt. Eine, die mit Respekt gelebt wird.“

In Tunesien studierte Sonia Ferchichi Journalismus und Politikwissenschaft. „Das wollte ich unbedingt! Ich habe dafür gekämpft. Aber ich habe in diesem Beruf nie gearbeitet. Das wäre zu gefährlich gewesen, in meinem Land, als Frau.“ Stattdessen unterrichtete sie Englisch und Französisch.

1999 zog sie nach Deutschland, zu ihrem Vater. Da war sie 28 Jahre alt. Lernte Deutsch. Arbeitete. Heiratete. Wurde Deutsche. „Als ich 2008 die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte, war ich eine der ersten, die den Einbürgerungstest machen mussten.“ Von 33 Fragen konnte sie 32 richtig beantworten. „‚Du warst bestimmt müde, sonst hättest du alle 33 Fragen richtig beantwortet!‘, sagte mein Lehrer Herr Gerhold damals.

20150915_130803Das alles habe ich Frau Krebs und Herrn Zimmerman von der Volkshochschule zu verdanken. Schreiben Sie das auf jeden Fall dazu!“ An ihre ersten Deutschlehrer erinnert sie sich wie an gute Freunde. „Herr Zimmermann grüßt mich heute noch, wenn wir uns sehen!“  Herr Zimmermann gibt Deutschkurse für Flüchtlinge. Wie Ferchichi es demnächst auch tun wird.

„Ich habe mich bei verschiedenen Organisationen gemeldet, die mit Flüchtlingen arbeiten. Ich kann übersetzen, Deutsch unterrichten. Da möchte ich gerne helfen. Soweit das zeitlich mit meinen Kindern vereinbar ist.“ Mehrere Organisationen meldeten sich erfreut zurück und wollen mit Ferchichi zusammenarbeiten. Ehrenamtlich.

Die viersprachige Politologin und Journalistin Sonia Ferchichi machte in Deutschland eine Zusatzausbildung beim Deutschen Roten Kreuz und ist nun auch examinierte Altenpflegerin, Vorübergehend konnte sie als Fachkraft arbeiten. Und irgendwann, so hofft sie, findet sie wieder einen Job, der für sie als Alleinerziehende realistisch ist.

„Ich bin zufrieden“

Vor der Trennung von ihrem Mann, nach20150917_171336 der Geburt ihres zweiten Kindes, erhielt Sonia die Diagnose MS. „Die Krankheit der tausend Gesichter“, sagt sie. Vorübergehend hatte sie auf einem Auge nur noch 10 Prozent Sehkraft. Nun sieht sie mit diesem Auge wieder 50 Prozent, somit verschwommen. „Darüber bin ich inzwischen sehr glücklich. An den meisten Tagen vergesse ich die MS.“ Eine Spritzentherapie erinnert sie alle drei Tage daran.

„‚The show must go on…!‘ Kennen Sie das? Ich glaube an diesen Satz. Wir dürfen uns nicht in unseren Tränen vergraben, was hilft das? Herr Zimmerman sagte uns immer, wenn wir an der deutschen Grammatik verzweifelten: ‚Schatten löschen die Sonne nicht aus.‘“ Ein Zitat von Franz Kafka.

„Ich bin zufrieden“, sagt sie, als wir die Baarestraße hinunter laufen, die bescheidene kleine Straße mit den prächtigen Bäumen auf beiden Seiten, und einem hundert Mal geflickten Straßenbelag, hubbelig, vielfältig, lebendig. Stolz ist sie auf die Demokratiebewegungen in Tunesien. Angesichts der übrigen aktuellen Krisenherde möchte sie nicht verzweifeln. „Wir müssen unseren Kindern ein Vorbild sein“, sagt sie. Und freut sich, dass sie bald wieder einen Termin mit einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge hat, wo sie Hilfe leisten kann. „Man muss nur mutig bleiben.“

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