Ich hoffe, dass die Menschen mit dieser Angst weise umgehen

Von Khaled Al Rifai

Als ich nach Deutschland kam, interessierten mich die Medien zunächst kaum. Ich wollte Ruhe. Zusammenreißen und Abstand zu allen traurigen Dingen gewinnen. Das half mir,  mich einigermaßen wohl zu fühlen. Ein Jahr später fing ich an, die deutschen Medien wahrzunehmen.

Von den bekannten Talkshows schaute ich mir zuerst die älteren Sendungen an – die mit den höchsten Klickzahlen. Darin ging es um den Islam, Sexarbeit, um Flüchtlinge und um die Frage, ob Frauen oder Männer Opfer von Sexismus sind. Interessiert hat mich das alles. Vor allem wollte ich wissen, was die Deutschen über die Flüchtlinge sagen – und welche anderen Themen für sie wichtig sind. Was sie darüber erfahren.
Es verging kaum ein Tag, an dem nicht über Flüchtlinge berichtet und debattiert wurde. Das ist auch heute noch so. Einige Sendungen habe ich inzwischen auf mein Handy abonniert: „Hart aber fair“, „Maybrit Illner“, „Ihre Meinung“, „Anne Will“, „Maischberger“ und  „Tagesschau“.
Was ich über deutsche Parteien weiß, über deren Politik, über Integrationsgesetze, habe ich aus diesen Sendungen. Ich höre, wie dort diskutiert wird über den Wunsch, Flüchtlingszahlen zu reduzieren, über die Obergrenze, Sicherheitsvorkehrungen gegen Terrorangriffe (die offenbar vor allem von Menschen mit Migrationshintergrund begangen
werden), und über das riesengroße Thema Integration.
So manche Begegnung in meinem Alltag wurde mir auf diese Weise verständlicher. Viele Menschen begegnen mir sehr freundlich. Aber wenn mir jemand unfreundlich begegnet – oder gar das Gespräch endet, sobald ich sage, dass ich aus Syrien komme, Dann denke ich manchmal: Dieser Mensch hat vielleicht die Talk-Show vom Vortag gesehen. So wie ich.
Ich bin der fremde Körper, über den in den Sendungen debattiert wird – vor dem man Angst hat. Oder den man willkommen heißt. Dessen Anwesenheit in Deutschland angezweifelt
wird, egal wie freundlich, respektvoll und pünktlich ich bin. Das spüre ich. Und manchmal wird es auch ganz klar ausgesprochen.
Seit einigen Wochen oder Monaten wird es schlimmer. Die Menschen begegnen mir distanzierter, manchmal unfreundlich. Es macht mich traurig, dass mich diese Dinge mein Leben lang beschäftigen werden, dass ich einen Umgang damit finden muss. Dass für mich andere Spielregeln gelten als für normale Bürger, zum Beispiel bei der Suche nach einer
Wohnung, einer Ausbildung, einem Job. Dass meine Herkunft ein Grund dafür sein kann, dass Menschen mich ablehnen.
Es gehört zu den vielen Dingen, die ich verlor, als ich meine Heimat verließ. Ich wurde ein Flüchtling, ein Geflüchteter. Werde ich ein Angekommener, ein normaler Bewohner
dieses Landes, dieser Stadt sein? Werden meine Kinder normale Bewohner dieses Landes werden?
In den Medien wird vor Parallelgesellschaften und einer Spaltung in Deutschland gewarnt. Aber die Medien tragen zu diesen Entwicklungen bei, indem sie die Unterschiede hervorheben, an anderer Stelle verallgemeinern, Ängste schüren. Ich hoffe, dass die Menschen mit dieser Angst weise umgehen und diese nicht zu einem Angstunternehmen tragen, das sich beispielsweise AfD nennt.

Dieser Text erschien in der 4. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“ (>>PDF)
facebook.com/neuindeutschlandzeitung

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