„Ich bin so müde, wie ich nie dachte, dass ich einmal müde sein würde.“

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Boushra El Dalaf kam 2014 mit ihrem Mann aus Aleppo nach Deutschland. In Bochum schreibt sie seit 2016 für die Zeitung „Neu in Deutschland“.

Von Boushra El Dalaf
Übersetzung: Khaled Al Rifai

Meine Heimat ist nur eine Erinnerung. Daran, wie wir waren und wie wir wurden. Mit müden Augen sehe ich die Menschen, die auf der Straße mit sich selbst reden. So müde bin ich, dass ich ein Kind anschimpfte, das zu mir sagte: Bitte, kauf mir Schokolade. Bei Allah, ich war ungerecht zu diesem Kind… Eine Träne von mir fiel auf seinen kleinen Kopf. Ich ertrage es nicht, den Mann auf der Straße zu sehen, der um Geld für eine Fahrkarte bettelt, weil ihm sein Geld angeblich gestohlen wurde. Dabei wurde ihm überhaupt kein Geld gestohlen. Er bringt es nur nicht übers Herz zu sagen: Im Namen Allahs, ich habe kein Geld, um mir etwas zu essen zu kaufen. Bitte lass mich nicht verhungern. Es gibt noch eine Würde in ihm, die ihn das nicht sagen lässt.

Ich bin doch diejenige, die Steine zum Lachen bringt!

Meine Augen wollen sich vor dem Taxifahrer verschließen, der weit über sechzig Jahre alt ist und den ganzen Tag arbeitet und seine Schweißtropfen mit einem Tuch trocknet. Vielleicht sind es gar keine Schweißtropfen, sondern Tränen. Er würde vor Hunger sterben, wenn er aufhörte, jeden Tag zu arbeiten. Dabei ist er alt und gebrechlich. Ich habe keine Kraft mehr, meine Freundin zu sehen, die den ganzen Tag verschläft, weil sie die Hoffnung auf das Leben aufgegeben hat. Sie sagt: „Selbstmord zu begehen, ist haram (verboten)! Also mache ich es auf eine Art, die als halal (erlaubt) zu betrachten ist.“ Ich bin auch müde von mir selbst. Warum kann ich mich an dieses neue Land nicht gewöhnen? Ich bin doch diejenige, die Steine zum Lachen bringt! Nun gelingt es mir nicht einmal, das kleine, süße Mädchen anzulächeln, das mir an der Hand seiner Mutter zuwinkt.

Ich bin müde zu sehen, wie das arabische Volk behandelt wird, dessen Würde an den Grenzen, in den Heimen und Lagern verletzt wurde. Und würde ich einen von ihnen fragen: Warum heiratest du nicht?, dann würden die Menschen meines Landes lächeln – dieses Lächeln, welches das Herz verletzt – und antworten: Wenn Allah will, dass ich heirate, dann geschieht es bald. Doch in Wirklichkeit haben sie nicht einmal Geld für eine Schachtel Zigaretten. Ich bin müde, wenn ich an das Mädchen denke, das sich schick kleidet, um die Männer zu verführen, einen Mann zu jagen, da ihre Familie sich nicht mehr um sie kümmern kann, und auch niemand anderes in der Gesellschaft. So tief ist sie gefallen.

Müde davon, die Menschen meines Landes fallen zu sehen.

Ich bin so müde, wie ich nie dachte, dass ich einmal müde sein würde. Müde davon, die Menschen meines Landes fallen zu sehen. Heimatlos schlafen sie auf der Straße, in Heimen und Lagern. Wer noch im Land ist, erlebt jeden Tag Schrecken und Not. Ich bin müde, die Blicke derjenigen zu sehen, die sich gegenseitig bekämpfen und sich mit Füßen treten. Ich bin müde von allem, was Krieg und Kampf bedeutet. Ich will, dass Frieden, Sicherheit und Glück zurückkehren. Es reicht. Im Namen Allahs, wir sind sehr müde. Unser Glück wurde uns geraubt, unsere Familien wurden auseinander gerissen. Viele Menschen starben im Krieg, andere ertranken im Meer und es ist noch nicht zu Ende.

Dieser Text erschien in der 3. Ausgabe der Bochumer Zeitung „Neu in Deutschland. Zeitung von Geflüchteten“ im September 2016. Ebenfalls im September 2016 wurde die Zeitung für den „Deutschen Lesepreis“ der Stiftung Lesen nominiert.

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