Das Ritual im H.O.F.

An der Rottstraße 5 hat der syrische Dichter Issam Alnajm für sich einen besonderen Ort gefunden.

Von Issam Alnajm

Als ich neu in Bochum war, habe ich nach Orten gesucht, an denen Menschen über Literatur oder Musik zusammenfinden, das war meine Suche nach Heimat. Einmal war ich an einem Mittwoch mit einer lieben, netten Freundin unterwegs, die ich kurz zuvor kennengelernt hatte. Ich erinnere mich noch, dass sie fragte: „Wollen wir ins Kino gehen oder zum Ritual?“ Da ich nicht wusste, was das Ritual war, erklärte sie mir, es sei ein 20-minütiges Konzert mit einem Violoncello.

Klassische Musik berührt mich sehr und zu meinen größten Erlebnissen seit meiner Flucht aus Syrien gehört, dass ich in Bochum ein Konzert von Bach hören konnte. Aber dazu später. Jedenfalls war ich froh, dass wir entschieden, zum Ritual zu gehen. Es war mein erster Abend im Rottstr5 H.O.F.

Als wir ankamen, sprachen wir mit den Menschen, die schon dort waren. Ich erinnere mich, dass ich erst wenige deutsche Sätze sagen konnte. Aber ich spürte, dass alle sehr freundlich waren. Im Raum empfing uns eine interessante Mischung aus künstlerischer Feinheit und Anarchie, die ich sehr inspirierend fand. Um mich herum sah ich Gemälde und Papiere mit chinesischen Schriftzeichen, einen Flügel, Pflanzen, sorgsam eingestelltes Licht, eine Bühne, sehr nah an den verschiedenen Stühlen für das Publikum.

Hier habe ich Manfred Duch getroffen, den Künstler, der den Rottstr5 H.O.F. zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Cellistin Christiane Conradt, gestaltet. Mit Manfred, der mehrere Jahrzehnte älter ist als ich, habe ich anschließend so viel Zeit verbracht wie mit kaum einem anderen Menschen in Bochum.

Einige Menschen kommen sehr regelmäßig zu den Veranstaltungen und der Raum wurde für mich zu einem zweiten Zuhause. Und hier in diesem Raum habe ich zum ersten Mal die Musik von Bach in einem Konzert gehört.

Mittlerweile habe ich einen Schlüssel zum H.O.F., ich übernehme Verantwortung, wenn andere Gruppen hier Veranstaltungen machen. Mit Manfred habe ich außerdem mehrere literarische Abende organisiert, in denen ich eigene Gedichte vorgetragen habe oder arabische Poesie vorstellen konnte. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es diesen Ort gibt, mit all den Menschen, die dorthin kommen und eine wunderbare familiäre und solidarische Gesellschaft bilden.

Im Rottstr5 H.O.F. finden vor allem literarische und musikalische Veranstaltungen statt; im Sommer kann man auf einem kleinen Vorplatz zwischen Feigen, Blüten und Basilikum in selbst angelegten Beeten auf die nächste Vorstellung warten. Das „Ritual“ findet jeden Mittwoch um 20 Uhr statt: Die Cellistin Christiane Conradt (ehemals Bochumer Synphoniker) präsentiert jeweils 20 Minuten lang eine aktuelle Arbeit.

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