„Beim Opferfest geht es ums Teilen“

20150928_180752„Setzen Sie sich lieber ein Stück auf diese Seite“, sagt Petra Meier zu einer Mutter, die ihr 10 Tage altes Baby auf dem Arm trägt. „Am Fenster zieht es etwas.“ Die junge Frau schaut verwundert. Vor wenigen Tagen war sie mit ihrem Neugeborenen noch in einem Flüchtlingszelt untergebracht. Zugluft war dort das kleinere Problem. – Im Familienzentrum Kindervilla Pfiffikus wurde das Opferfest gefeiert, und alle machten mit.

„Beim Opferfest geht es ums Teilen“, sagt Yasemin Tosun von der Kindervilla. Deshalb bekommen alle Besucher am Eingang ein Bonbon und eine Papierrolle geschenkt, auf der die Geschichte vom Regenbogenfisch steht. … „Ich habe dich erwartet“, sagte Oktopus mit tiefer Stimme. „Die Wellen haben mir deine Geschichte erzählt. Höre meinen Rat: Schenke jedem Fisch eine deiner Glitzerschuppen. Dann bist du zwar nicht mehr der schönste Fisch im Ozean, aber du wirst wieder fröhlich sein.“ …

20150928_174704Weil in der Kindervilla Pfiffikus viele unterschiedliche kulturelle und religiöse Traditionen zu Hause sind, werden die Feste nach einem Gastgeber-Prinzip gefeiert: Christliche VertreterInnen bereiten zu den christlichen Feiertagen etwas vor, und laden ein. Zu den muslimischen Feiertagen bereiten MuslimInnen etwas vor, und laden ein. So wird im November ein Martinsfest gefeiert (kein „Laternenfest“) und die muslimischen Feiertage werden in der evangelischen Einrichtung ebenfalls begangen.

Abida Akshoun, 30, ist umringt von aufgeregten Mädchen, die ihre Hände in die Höhe strecken. „Ich will auch!“ – Mit sorgsamen Pinselstrichen bemalt sie die Handrücken der Mädchen mit Henna.

20150928_180320„Schau mal, wie ich aussehe“, ruft ein Mädchen und winkt Kita-Leiterin Stephanie Schönfeld zu, die mit ihrem Mann am Grill das Hammel- und Hähnchenfleisch wendet. „Oh wie toll! Wie lange muss das trocknen?“ –„Zwei Stunden.“ – „Oh.“

Dafür halten die Kunstwerke dann tagelang. Kita-Leiterin Petra Meier hat zwei Tage später noch schmuckvolle Handrücken. Roksana Pietrak, 21, feiert zum ersten Mal das Opferfest. „Mein Kind ist hier in der Kita.“ Was es mit dem Opferfest genau auf sich hat, habe sie noch nicht ganz verstanden. Aber sie freut sich über das Bonbon und ist gespannt, die Geschichte zu lesen, die ihr am Eingang geschenkt wurde. „Es ist schön, hier zu sein.“

Diesen Satz kann die aus dem Irak geflüchtete Mutter mit dem zehn Tage alten Baby inzwischen auch sagen. Vor wenigen Tagen konnte sie bei einer entfernten Verwandten unterkommen. Eines Tages, so hofft sie, findet sie eine eigene Wohnung und eine Chance zu bleiben.

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