„Zwischen Kommen und Bleiben“ – eine Publikation der Friedrich Ebert Stiftung

zwischenkommenundbleibenIn der aktuellen Anthologie „Zwischen Kommen und Bleiben. Ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik“ der Friedrich Ebert Stiftung ist die Zeitung „Neu in Deutschland“ – neben vielen prominenten AutorInnen – mit einem Beitrag von Khaled Al Rifai vertreten. Am 12. Oktober wird das Buch in Berlin mit einem umfangreichen Rahmenprogramm vorgestellt.

Das von André Biakowski, Martin Halotta und Thilo Schöne herausgegebene Buch will mit einer Vielzahl an Texten unterschiedlicher AutorInnen ein differenzierteres Bild unserer Gesellschaft und eine Vielfalt an Argumenten aufzeigen, um einen wahrhaftigen Diskurs zu ermöglichen.

Einladung Buchvorstellung: >>hier

„Ich habe wohl Glück gehabt“

Von Khaled Al Rifai

Mein Weg nach Deutschland war gefährlich. Ich bin mit circa 300 Leuten auf einem viel zu kleinen Schiff gefahren. Ich wurde verletzt. Das alles habe ich vorher nicht gewusst. Die Männer, denen wir Geld ge­geben hatten, damit sie uns nach Europa bringen, machten ein merkwür­diges Spiel mit uns.

Ich komme aus Syrien, aber die letzten Jahre hatte ich mit meiner Familie in Libyen verbracht. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist. In Libyen ruft man den Schlepper an und informiert sich über die Reise, die Qualität des Bootes, den Treffpunkt, die Wartezeit, bis das Boot abreist, und wie hoch der Preis ist. Ich weiß nicht genau, wer diese Menschen sind. Anrufen kann sie jeder und überall. Den Schlepper findet man durch Freunde, Verwandte, die schon geflohen sind. Das Problem ist in erster Linie das Geld. Die anderen Gedanken treten erst auf, wenn man genug Geld hat.

Dann fährt man zum Treffpunkt und wartet, bis das Boot bereit ist. Am Abend fängt dann alles an. Erst die Bezahlung, dann die Schritte zum Boot. Viele Menschen sammeln sich an einem schlechten Ort oder in ei­nem Lkw. Sie warten, bis der Schlepper die Abfahrt zum Boot erklärt. Es ist eine unmenschliche Behandlung. Keiner kann sich beschweren, auch verletzte Menschen können nichts tun. Als wir am Wasser ankamen, wur­den wir auf ein großes Boot geführt. Dann wurde uns erklärt, dass das Boot kaputt sei. Schnell mussten wir alle auf ein anderes, viel kleineres Boot. In der Dunkelheit verletzte ich mich an einer scharfen Kante. Ich spürte erst viel später, als wir zusammen auf dem kleinen Boot saßen, dass etwas Warmes an meinem Körper bis zu meinem Bein hinunterlief. 194 Kapitel 3 Ich habe wohl Glück gehabt

Ich blutete stark und fragte die anderen auf dem Boot, ob sie etwas zum Desinfizieren dabei hätten.

Ich wollte nicht auf das kleine Boot. Aber hätte ich weggehen sollen? Kann man zur Polizei gehen oder etwas dagegen tun? Man erreicht die­sen Punkt und soll entscheiden, ob man den Weg fortsetzen will oder nicht. Die Reise kostet viel Geld und was man bezahlt, bekommt man nicht zurück, falls einem die wirklichen Bedingungen nicht gefallen. Ich war verletzt, habe stark geblutet und trotzdem entschieden, weiter zu machen.

Während der Fahrt blutete ich immer stärker am Oberkörper, unter mei­nem rechten Arm. Genau 24 Stunden dauerte die gefährliche Fahrt. Ich lag die ganze Zeit auf einer Seite. Ich durfte mich nicht bewegen, damit ich nicht zu stark blute. Es war sehr unwirklich. Ich wusste nicht, ob ich sterben würde. Nach einem Tag kam ein großes Schiff. Wir kamen in Ita­lien an. Eine Krankenschwester sagte, ich müsse sofort in ein Kranken­haus. Dort wurde ich operiert. Die Menschen dort waren sehr freundlich zu mir. Sie gaben mir etwas zu essen, zum Anziehen. Meine eignen Sa­chen hatte ich auf der Fahrt verloren. Sie haben mir sogar etwas Italie­nisch beigebracht. Sie haben mein Leben gerettet.

Nach einem Monat ging meine Flucht nach Deutschland weiter. Als ich in München ankam, traf ich viele wieder, die mit mir auf dem Boot gefahren waren. Sie hatten den Monat im Gefängnis verbracht. Sie erzählten keine schönen Dinge davon. Einige mussten Fingerabdrücke abgeben. Ich war von Italien aus mit dem Zug nach Deutschland gefahren. In München traf ich einen Freund von dem Boot wieder, er hatte meine Tasche mitgenom­men und aufbewahrt. Ich habe wohl Glück gehabt.

Dieser Text entstand im Rahmen des Bochumer Zeitungsprojektes „Neu in Deutschland“ für das vorliegende Buch.195 Flucht Khaled Al Rifai

Zur Person Khaled Al Rifai

Khaled Al Rifai, 1993 in Darʿ¯a/Syrien geboren, wuchs in Syrien und Libyen auf, machte Abitur. Im Oktober 2014 floh er nach Deutschland, im Januar 2015 wurde sein Antrag auf Asyl anerkannt. Er lebt in Bochum und strebt dort eine Ausbildung zum Krankenpfleger an. Seit 2015 schreibt und übersetzt er für die Bochumer Ge­flüchteten-Zeitung „Neu in Deutschland“.

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